Wie Familien- und Systemaufstellungen Beziehungen und Zusammenhänge erfahrbar machen können.
Eine Familie lässt sich auf viele Arten beschreiben. Wir können erzählen, wer zu ihr gehört, welche Beziehungen gut oder schwierig sind, welche Ereignisse sie geprägt haben und welche Konflikte sich vielleicht schon lange wiederholen. Und trotzdem gibt es Zusammenhänge, die wir sehr genau beschreiben können, ohne sie wirklich zu erfassen.
Die Familien- und Systemaufstellung nähert sich solchen Zusammenhängen auf eine andere Weise. Sie versucht nicht nur, über Beziehungen zu sprechen, sondern gibt ihnen einen Platz im Raum. Was vorher vor allem erzählt und gedacht wurde, kann dadurch auf eine andere Weise sichtbar und spürbar werden.
Ein inneres Bild bekommt einen Ausdruck im Raum
Am Anfang einer Aufstellung steht ein persönliches Anliegen. Das kann eine Beziehung betreffen, einen wiederkehrenden Konflikt, eine Entscheidung oder eine Situation, bei der jemand das Gefühl hat, trotz vieler Gedanken nicht weiterzukommen. Vielleicht streiten sich zwei Menschen in einer Partnerschaft immer wieder über dieselben Dinge, ohne zu verstehen, warum. Oder jemand steht vor einer beruflichen Entscheidung und merkt, dass es schwerfällt, den eigenen Weg zu erkennen. Auch der abgebrochene Kontakt zu den Eltern oder die Sorge um ein Kind, das sich zunehmend zurückzieht, können Anlass für eine Aufstellung sein.
Dieses Anliegen kläre ich zunächst in einem persönlichen Gespräch. Dabei geht es nicht darum, die gesamte Familiengeschichte zu erzählen. Wir schauen gemeinsam darauf, was für die konkrete Frage wichtig sein könnte und welche Personen, Beziehungen oder anderen Aspekte für die Aufstellung eine Rolle spielen.
In der Gruppe wählt die aufstellende Person anschließend Stellvertreterinnen und Stellvertreter aus. Zunächst einmal für mich selbst, und dann auch für Familienangehörige, Partnerinnen und Partner oder andere Menschen. Je nach Anliegen können aber auch Gefühle, innere Anteile oder andere Elemente einer Situation aufgestellt werden.
Die aufstellende Person gibt ihnen intuitiv einen Platz im Raum.
Dadurch entsteht ein räumliches Bild: Wer steht wem nahe? Wer schaut wohin? Wo entsteht Abstand? Wer scheint nicht dazuzugehören? Wo wird etwas eng, wo entsteht Bewegung?
Es ist nicht als objektives Abbild einer Familie oder einer Situation zu verstehen. Eine Aufstellung zeigt zunächst ein gegenwärtiges inneres Bild, das von einem bestimmten Menschen, zu einem bestimmten Zeitpunkt und mit einer bestimmten Frage in den Raum gestellt wird.
Diese Unterscheidung ist mir wichtig.
Die Wahrnehmung der Stellvertreter
Ein besonderer Teil der Aufstellungsarbeit beginnt dort, wo die Stellvertreterinnen und Stellvertreter ihre Positionen eingenommen haben.
Immer wieder zeigt sich dabei ein Phänomen, das zunächst erstaunlich wirken kann: Menschen nehmen in einer Stellvertretung Empfindungen wahr, obwohl sie die Person, für die sie stehen, und häufig auch deren Geschichte nicht kennen. Sie erleben vielleicht eine unerwartete Nähe oder Distanz zu einer anderen Person im Raum, möchten den Blick abwenden oder ihren Platz verändern. Manchmal treten Gefühle, körperliche Empfindungen oder deutliche Bewegungsimpulse auf.
Diese sogenannte repräsentierende Wahrnehmung ist ein wesentlicher Bestandteil der Aufstellungsarbeit. Wie sie zustande kommt und wie sie sich erklären lässt, ist nicht abschließend geklärt. Für meine Arbeit muss sie das auch nicht sein.
Ich nehme diese Wahrnehmungen ernst, ohne sie mit einer objektiven Wahrheit zu verwechseln. Wenn eine Stellvertreterin beispielsweise Trauer empfindet, bedeutet das nicht automatisch, dass die Person, für die sie steht, tatsächlich traurig ist oder war. Die Wahrnehmung ist zunächst etwas, das innerhalb dieser Aufstellung entsteht.
Bedeutsam wird sie dort, wo sie mit dem Anliegen der aufstellenden Person in Resonanz geht, etwas bislang schwer Greifbares sichtbar macht oder eine andere Perspektive ermöglicht. Wir arbeiten mit dem, was sich zeigt, und beobachten, was dadurch in Bewegung kommt.
Ordnung als Orientierung, nicht als Dogma!
In der Familienaufstellung spielen bestimmte wiederkehrende Ordnungsprinzipien traditionell eine wichtige Rolle. Dazu gehören etwa Fragen von Zugehörigkeit, Generationenfolge, Verantwortung oder dem eigenen Platz innerhalb eines Systems.
Auch in meiner Arbeit können solche Ordnungen eine Orientierung geben. Ich verstehe sie allerdings nicht als starre Gesetze, denen jede Familie entsprechen muss.
Familien sind keine statischen Gebilde. Ihre Beziehungen entstehen aus Biografien, gesellschaftlichen Bedingungen, Verlusten, Brüchen, Bindungen und Entscheidungen. Deshalb interessiert mich nicht, ein vermeintlich richtiges Familienbild herzustellen. Ich schaue vielmehr darauf, was eine bestimmte Ordnung oder Veränderung im konkreten Fall bewirkt: Was verändert sich, wenn jemand einen anderen Platz einnimmt? Wenn eine Person, die bisher kaum vorkam, sichtbar wird? Wenn Verantwortung dort gesehen wird, wo sie hingehört? Oder wenn jemand etwas zurückgeben kann, das vielleicht lange getragen wurde?
Eine Aufstellung ist für mich deshalb ein Erfahrungsraum. Wir beobachten, was sich zeigt, verändern Positionen, nehmen unterschiedliche Perspektiven ein und schauen, was dadurch entsteht. Sie soll nicht beweisen, warum etwas so geworden ist, wie es ist, und sie produziert keine allgemeingültige Wahrheit über eine Familie.
Sie kann aber etwas sichtbar und spürbar machen, das vorher nur schwer zu greifen war.
Manchmal liegt darin bereits eine wesentliche Veränderung: eine Beziehung anders wahrzunehmen, Verantwortung an einer anderen Stelle zu sehen, den eigenen Platz deutlicher zu spüren oder zu erkennen, dass etwas, das lange selbstverständlich erschien, auch anders betrachtet werden kann oder vielleicht gar nicht zu mir selbst gehört.
Warum die Familiengeschichte für mich eine besondere Rolle spielt
Mein Zugang zur Aufstellungsarbeit ist eng mit meinem eigenen beruflichen Weg verbunden.
Bevor ich therapeutisch gearbeitet habe, war ich viele Jahre als Genealogin tätig. Ich habe Familiengeschichten dokumentarisch erforscht und mich mit den Lebenswegen früherer Generationen beschäftigt. Dabei begegnet man nicht nur Namen und Daten. Nach und nach entsteht ein Geflecht aus Lebensgeschichten: Migration und Heimat, Verluste und Neuanfänge, frühe Todesfälle, Beziehungen, soziale Bedingungen und Entscheidungen, deren Folgen weit über den einzelnen Menschen hinausreichen können.
Diese Arbeit hat meinen Blick darauf geprägt, dass wir nicht unabhängig von unserer Geschichte leben.
Das bedeutet für mich nicht, für ein heutiges Problem zwangsläufig eine Ursache in früheren Generationen zu suchen. Nicht alles ist transgenerational und nicht jede Schwierigkeit lässt sich aus der Familiengeschichte erklären. Aber ich halte es für wichtig, die Möglichkeit mitzudenken, dass unser Erleben in Beziehungen und Geschichten eingebunden ist, die lange vor uns begonnen haben.
Genauso wichtig ist mir die andere Seite: Wir sind mehr als unsere Familiengeschichte.
Verstrickungen zu erkennen und sichtbar zu machen, kann wesentlich sein. Aber es geht nicht darum, für immer auf das Vergangene zu schauen oder sich durch die eigene Herkunft erklären zu müssen. Wir können uns zu unserer Geschichte verhalten. Wir können unterscheiden, was zu uns gehört und was nicht, Verantwortung dort lassen, wo sie hingehört, und entscheiden, wie wir selbst weitergehen möchten.
Genau diese Verbindung interessiert mich: anzuerkennen, woher wir kommen, ohne daraus festzulegen, wohin wir gehen.
Die systemische Perspektive und die Aufstellungsarbeit geben mir unterschiedliche Möglichkeiten, diese Zusammenhänge gemeinsam mit meinen Klientinnen und Klienten zu erkunden.
Aufstellen und Stellvertreten
Aufstellungen finden in meiner Praxis überwiegend in Gruppen statt. Dabei kommen Menschen mit einem eigenen Anliegen und Menschen zusammen, die als Stellvertreterinnen und Stellvertreter teilnehmen.
Für die Person, die aufstellt, bedeutet die Gruppe nicht, ihre persönliche Geschichte vor allen Beteiligten offenlegen zu müssen. Im Vorgespräch klären wir das Anliegen ausführlicher. In der Gruppe wird nur das mitgeteilt, was für die Aufstellung notwendig ist.
Wer als Stellvertreterin oder Stellvertreter teilnimmt, braucht weder ein eigenes Anliegen noch Erfahrung mit Aufstellungsarbeit. Man kann beim Stellvertreten nichts „falsch“ machen. Eine Rolle kann angeboten, angenommen oder ohne Begründung abgelehnt werden.
Auch das Stellvertreten selbst kann eine intensive Erfahrung sein. Was in einer Aufstellung auftaucht, gehört zunächst zum Anliegen eines anderen Menschen. Gleichzeitig begegnen uns darin oft Fragen, die vielen vertraut sind: nach Zugehörigkeit und Abgrenzung, Nähe und Distanz, Verantwortung, Eltern und Kindern, Trennung oder dem eigenen Platz.
So kann es geschehen, dass eine Rolle etwas Eigenes berührt oder einen neuen Blick auf eine persönliche Frage ermöglicht, ohne dass diese an diesem Tag selbst zum Gegenstand einer Aufstellung wird. Als Stellvertreter zur Verfügung zu stehen und darin eine Erfahrung zu machen hat somit oft wertvolle Impulse für die eigene Persönlichkeitsentwicklung.
Deshalb kann ein Aufstellungstag auch für Menschen interessant sein, die kein eigenes Anliegen aufstellen möchten. Das Stellvertreten bietet eine besondere Möglichkeit, Aufstellungsarbeit kennenzulernen und zugleich die eigene Wahrnehmung zu erkunden.
Eine Aufstellung ist kein Endpunkt.
Eine Aufstellung dauert eine begrenzte Zeit. Das, was darin sichtbar oder erfahrbar wird, ist damit jedoch nicht unbedingt abgeschlossen.
Manches ist unmittelbar verständlich. Anderes erschließt sich erst später. Und manchmal verändert eine Erfahrung zunächst nur etwas im eigenen Erleben, ohne dass sich sofort erklären lässt, was genau geschehen ist.
Mir ist deshalb wichtig, eine Aufstellung nicht unmittelbar wieder vollständig zu analysieren. Die erste Frage ist für mich nicht: Was bedeutet das alles? Sondern: Was habe ich wahrgenommen und gespürt?
Eine Erfahrung darf zunächst stehen bleiben. Sie darf körperlich und emotional nachwirken, sich setzen und vielleicht auch verändern. Die gedankliche Einordnung kann später folgen und, wenn es sinnvoll ist, in einem Nachgespräch oder im weiteren therapeutischen Prozess aufgegriffen werden.
Deshalb verstehe ich eine Aufstellung nicht als fertige Lösung. Sie kann ein Impuls innerhalb eines therapeutischen Prozesses sein oder als einzelne Erfahrung für sich stehen.
Entscheidend ist für mich nicht, dass am Ende ein bestimmtes Bild entsteht oder alles aufgelöst erscheint. Entscheidend ist, ob etwas, das vorher fest, unklar oder kaum zugänglich war, anders wahrgenommen werden kann – und ob daraus für den Menschen, der mit seinem Anliegen gekommen ist, eine neue Bewegung entstehen kann.





