Gruppe auf einem grünen Hügel

Über meine Arbeit

Was bedeutet eigentlich systemisch?

5 Min. LesezeitRieke Weykopf

Warum ein Mensch selten nur aus sich selbst heraus zu verstehen ist

Wenn wir ein persönliches Problem haben, suchen wir die Ursache oft zunächst bei uns selbst. Warum reagiere ich so? Warum gelingt es mir nicht, mich anders zu verhalten? Warum gerate ich immer wieder in ähnliche Situationen?

Der systemische Blick setzt an einer etwas anderen Stelle an. Er betrachtet einen Menschen nicht isoliert, sondern in den Beziehungen und Zusammenhängen, in denen er lebt und gelebt hat.

Denn niemand entwickelt sich unabhängig von seiner Umgebung.

Wir werden in eine Familie hineingeboren, wachsen mit bestimmten Vorstellungen von Nähe, Verantwortung, Leistung oder Konflikt auf, erleben Beziehungen und Trennungen, finden unseren Platz in Freundschaften, Partnerschaften und im beruflichen Umfeld. All diese Beziehungen wirken auf uns. Gleichzeitig wirken auch wir auf sie zurück.

Genau dieses Geflecht bezeichnet der Begriff „System“.

Was ist ein System?

Sehr vereinfacht gesagt besteht ein System aus verschiedenen Elementen und den Beziehungen zwischen ihnen.

Eine Familie ist ein solches System. Ein Paar ebenso. Ein Kollegium, ein Freundeskreis oder eine Gruppe können Systeme bilden. Aber auch innerhalb eines einzelnen Menschen lassen sich unterschiedliche Seiten, Bedürfnisse oder innere Positionen betrachten, die miteinander in Beziehung stehen.

Entscheidend ist dabei: Wenn sich an einer Stelle etwas verändert, kann das Auswirkungen auf andere Teile des Systems haben.

Ein Konflikt zwischen zwei Menschen betrifft deshalb häufig nicht nur diese beiden Personen. Vielleicht geht es gleichzeitig um Loyalitäten innerhalb einer Familie, um Erwartungen an eine bestimmte Rolle oder um Erfahrungen, die weit vor der aktuellen Situation entstanden sind.

Der systemische Blick fragt deshalb weniger: Was stimmt mit diesem Menschen nicht?

Er fragt eher: In welchem Zusammenhang ergibt das, was gerade geschieht, möglicherweise Sinn?

Symptome haben einen Zusammenhang

Diese Perspektive ist für meine therapeutische Arbeit wesentlich.

Wenn jemand mit Angst, Erschöpfung, wiederkehrenden Beziehungskonflikten oder einem Gefühl von Überforderung zu mir kommt, betrachte ich das nicht als Defizit der Persönlichkeit.

Ich versuche zu verstehen, in welchem Zusammenhang dieses Erleben entstanden ist und welche Funktion es vielleicht einmal hatte oder heute noch erfüllt.

Ein Mensch, der nur schwer Nein sagen kann, ist nicht zwangsläufig einfach „zu wenig abgegrenzt“. Vielleicht war es in seiner Familie wichtig, Bedürfnisse anderer früh wahrzunehmen. Vielleicht gehörte Anpassung dazu, Beziehungen zu sichern. Vielleicht übernimmt er Verantwortung, die in seinem familiären Umfeld seit langer Zeit eine große Bedeutung hat.

Das bedeutet nicht, dass sich jedes Problem vollständig aus der Familiengeschichte erklären lässt. Es bedeutet vielmehr, dass Verhalten häufig verständlicher wird, wenn wir den Kontext mit betrachten.

Und manchmal verändert schon dieses Verständnis etwas: Aus der Frage „Warum bin ich so?“ kann die Frage werden: „Wie ist das entstanden und brauche ich es heute noch?“

Das System beginnt nicht erst mit uns

Zu einem systemischen Blick gehört für mich deshalb auch die Familiengeschichte.

Wir übernehmen nicht nur bewusst vermittelte Werte und Regeln. Familien geben auch Erfahrungen, Erwartungen, Ängste, Umgangsweisen und Vorstellungen davon weiter, wie Beziehungen funktionieren oder was im Leben möglich ist.

Manches wird offen ausgesprochen. Anderes zeigt sich eher indirekt.

Eine Familie, in der mehrere Generationen Verluste, Krieg, Flucht oder wirtschaftliche Unsicherheit erlebt haben, kann beispielsweise einen anderen Umgang mit Sicherheit, Besitz oder Risiko entwickeln als eine Familie mit einer anderen Geschichte. Solche Erfahrungen bestimmen einen Menschen nicht zwangsläufig. Aber sie können Teil des Hintergrundes sein, vor dem heutige Entscheidungen und Gefühle verständlicher werden.

Genau an dieser Stelle treffen sich für mich Genealogie und therapeutische Arbeit.

Von der Genealogie zur systemischen Arbeit

Mein eigener systemischer Blick ist nicht erst während meiner therapeutischen Ausbildung entstanden.

Viele Jahre habe ich als Genealogin Familiengeschichten recherchiert. Dabei ging es zunächst um historische Fakten: Wer gehörte zu einer Familie? Wo lebten diese Menschen? Welche Berufe hatten sie? Wann wurde geheiratet, geboren, gestorben oder ein Ort verlassen?

Mit der Zeit wurde aber immer deutlicher, dass sich hinter diesen Daten Geschichten und Beziehungen befinden.

Bestimmte Erfahrungen tauchten über Generationen hinweg wieder auf. Familien waren geprägt von Verlusten, Brüchen, Migration, wirtschaftlichen Veränderungen oder bestimmten Erwartungen an einzelne Familienmitglieder. Manchmal wurde dadurch auch verständlicher, warum bestimmte Themen für Menschen in der Gegenwart eine besondere Bedeutung hatten.

Diese Arbeit hat meinen Blick darauf geprägt, dass unsere Geschichte nicht hinter uns liegt wie ein abgeschlossenes Archiv. Teile davon leben in Beziehungen, Erzählungen, Selbstbildern und Entscheidungen weiter.

Ein System ist kein starres Gebilde

Dabei ist mir wichtig, ein System nicht als eine Art unsichtbaren Mechanismus zu verstehen, der unser Leben festlegt.

Systeme verändern sich ständig.

Menschen kommen hinzu oder gehen. Beziehungen verändern sich. Rollen werden neu verteilt. Eine Entscheidung eines einzelnen Menschen kann wiederum Bewegung in ein ganzes Gefüge bringen.

Deshalb bedeutet systemische Arbeit für mich auch nicht, eine vermeintlich „richtige Ordnung“ zu entdecken, in die ein Mensch anschließend zurückgebracht werden müsste.

Mich interessiert vielmehr, welche Beziehungen und Dynamiken heute wirksam sind und wo sich neue Möglichkeiten eröffnen.

Manchmal geschieht das im Gespräch. Manchmal wird ein Zusammenhang in einer Aufstellung deutlicher, weil Beziehungen und Positionen im Raum sichtbar werden. Und manchmal führt die Frage weiter: Was gehört eigentlich noch zu dem System, in dem wir leben?

Und wo endet das System?

Je länger ich mich mit dieser Frage beschäftigt habe, desto weniger selbstverständlich wurde für mich die Antwort.

In meiner frühen Arbeit standen vor allem Menschen und ihre Familien im Mittelpunkt. Durch meine intensive Beschäftigung mit Landschaft und Natur ist dieser Blick weiter geworden.

Auch wir selbst leben schließlich nicht losgelöst von einem Ort.

Landschaften prägen Lebensweisen. Flüsse, Wälder, Städte und landwirtschaftliche Räume beeinflussen, wie Menschen leben und welche Geschichten sich an einem Ort entwickeln. Pflanzen und Tiere gehören zu unserer unmittelbaren Lebenswelt. Ebenso die Traditionen, Erzählungen und Erfahrungen, die mit einer Landschaft verbunden sind.

Ich verstehe Natur deshalb in meiner Arbeit nicht einfach als Umgebung des Menschen. Sie ist Teil des Beziehungsgefüges, in dem wir uns erleben.

Das ist einer der Gründe, warum meine systemische Arbeit nicht an der Tür des Praxisraums endet.

Systemisch arbeiten heißt für mich, Zusammenhänge mitzudenken

Der systemische Blick liefert keine einfache Erklärung dafür, warum ein Mensch so geworden ist, wie er heute ist.

Er erweitert vielmehr die Perspektive.

Neben der Frage „Was ist mit mir?“ treten andere Fragen:

Welche Beziehungen wirken in meinem Leben?

Welche Erfahrungen haben mich geprägt?

Was davon gehört tatsächlich zu mir?

Was habe ich vielleicht übernommen?

Welche Rolle nehme ich in meinen Beziehungen ein?

Und was verändert sich, wenn ich an einer Stelle etwas anders mache?

Für mich liegt darin etwas sehr Entlastendes und zugleich Verantwortliches.

Wir sind nicht unabhängig von dem geworden, was vor uns war und was uns umgibt. Aber wir sind ihm auch nicht vollständig ausgeliefert.

Systemische Arbeit bedeutet für mich deshalb, die Zusammenhänge ernst zu nehmen, in denen ein Mensch geworden ist, wer er heute ist, und gleichzeitig danach zu suchen, wo innerhalb dieser Zusammenhänge wieder eigene Bewegung möglich wird und stimmig ist.

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