Eine Buchempfehlung: „Kraftort Natur“ von Jennie Appel und Dirk Grosser
Die meisten von uns verbringen immer wieder Zeit in der Natur. Wir gehen durch den Wald, laufen an einem Fluss entlang, sitzen im Garten oder bleiben irgendwo stehen, weil der Blick gerade besonders schön ist.
Und trotzdem können wir dabei erstaunlich unverbunden mit unserer Umgebung bleiben.
Wir sehen einen Baum, einen Fluss oder eine Landschaft. Vielleicht nehmen wir wahr, dass es dort ruhig ist, dass die Luft anders riecht oder dass uns ein Ort guttut. Aber was verändert sich, wenn wir Natur nicht nur als Umgebung betrachten, sondern beginnen, uns tatsächlich zu ihr in Beziehung zu setzen?
Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Und sie ist einer der Gründe, warum ich das Buch „Kraftort Natur. Verbundenheit mit der wilden Seele der Welt“ von Jennie Appel und Dirk Grosser gerne empfehle.
Eine andere Haltung zur Natur
Was mir an diesem Buch gefällt, ist seine unaufgeregte Art.
Es versucht nicht, Naturerfahrungen künstlich zu überhöhen. Stattdessen laden die Autor:innen dazu ein, zunächst etwas sehr Einfaches zu tun: genauer wahrzunehmen und die eigene Haltung gegenüber der natürlichen Umgebung zu verändern.
Dafür verbinden sie persönliche Erfahrungen mit Hintergrundwissen und einer Vielzahl konkreter Übungen. Es geht um Bäume, Pflanzen und Tiere, um Steine und die Elemente, um Meditationen und kleine Rituale.
Vieles davon lässt sich ohne besondere Vorbereitung ausprobieren.
Das Entscheidende ist dabei für mich weniger die einzelne Übung. Interessanter ist die Haltung, die sich durch das Buch zieht: Verbindung entsteht nicht allein dadurch, dass wir uns in der Natur aufhalten. Wir müssen beginnen, uns auf sie einzulassen.
Vom Betrachten zum Erleben
Wir sind es gewohnt, Natur aus einer bestimmten Perspektive wahrzunehmen.
Ein Wald ist ein Ort für einen Spaziergang. Ein Fluss ist eine schöne Landschaft. Ein Baum spendet Schatten. Eine Wiese ist etwas, über das wir hinweggehen.
Man kann dieselben Orte aber auch anders erleben.
Was geschieht, wenn ich an einem Baum nicht einfach vorbeigehe, sondern eine Weile dort bleibe? Wenn ich einen vertrauten Ort zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten aufsuche? Wenn ich nicht nur darauf achte, was ich sehe, sondern auch darauf, was ich höre, rieche oder körperlich wahrnehme?
Solche Übungen können zunächst unspektakulär wirken. Gerade darin liegt für mich ihre Qualität.
Es geht nicht darum, ein besonderes Naturerlebnis zu produzieren. Es geht darum, eine Form von Aufmerksamkeit wieder einzuüben, die in unserem Alltag leicht verloren geht.
Verbindung braucht Wiederholung
Ein Gedanke des Buches erscheint mir dabei besonders wichtig: Diese andere Wahrnehmung entsteht nicht durch eine einmalige Erfahrung.
Sie braucht Kontinuität.
Wer einmal zehn Minuten bewusst unter einem Baum sitzt, hat dadurch nicht plötzlich eine vollkommen andere Beziehung zur Natur. Aber wer beginnt, regelmäßig wahrzunehmen, Orte wieder aufzusuchen und bestimmte Übungen oder Rituale zu wiederholen, kann feststellen, dass sich etwas verändert.
Orte werden vertrauter. Unterschiede werden deutlicher. Die eigene Wahrnehmung wird genauer.
Vielleicht liegt darin auch eine Verbindung zu therapeutischen Prozessen. Veränderung entsteht selten dadurch, dass wir etwas einmal verstanden haben. Manches muss erfahren, wiederholt und mit der Zeit Teil unseres eigenen Erlebens werden.
Warum mich dieses Buch auch in meiner Arbeit interessiert
Natur ist für mich nicht nur ein Ort, an den wir gehen können, wenn wir Ruhe brauchen.
In meiner eigenen Arbeit beschäftigt mich die Frage, was geschieht, wenn wir Landschaft als Teil der Beziehungen begreifen, in denen wir leben. Wir sind schließlich selbst keine Beobachter außerhalb der Natur. Wir leben in ihr und sind Teil von ihr, auch wenn unser Alltag uns dieses Verhältnis manchmal kaum noch spüren lässt.
Diese Perspektive spielt auch in meiner therapeutischen Arbeit in der Natur und in meiner Ritualarbeit eine Rolle.
„Kraftort Natur“ beschreibt einen möglichen Zugang dazu, ohne dass man sich dafür einer bestimmten religiösen oder spirituellen Tradition anschließen müsste. Man kann die Übungen ausprobieren, beobachten, was geschieht, und für sich selbst entscheiden, womit man etwas anfangen kann.
Das gefällt mir.
Ein Buch zum Ausprobieren
Vielleicht kommt an dieser Stelle auch meine frühere Arbeit als Buchhändlerin durch: Ich mag Bücher, die nicht nur gelesen werden wollen.
„Kraftort Natur“ gehört für mich dazu.
Man kann darin blättern, einen Gedanken mitnehmen, eine Übung ausprobieren und das Buch anschließend wieder für eine Weile zur Seite legen. Vieles erschließt sich vermutlich ohnehin weniger beim Lesen als draußen.
Ich würde es deshalb besonders Menschen empfehlen, die das Gefühl kennen, sich von der eigenen Umgebung und vielleicht auch ein Stück von sich selbst entfernt zu haben. Und Menschen, die neugierig darauf sind, einen Wald, einen Fluss oder einen vertrauten Weg einmal mit einer etwas anderen Aufmerksamkeit zu betreten.
Vielleicht entdeckt man dabei nichts Spektakuläres.
Vielleicht bemerkt man aber Dinge, an denen man jahrelang vorbeigegangen ist.
Zum Buch
Jennie Appel & Dirk Grosser: Kraftort Natur. Verbundenheit mit der wilden Seele der Welt; Windpferd Verlag; ISBN 978-3-86410-416-9; 24,00 €
Mehr über die Arbeit von Jennie Appel und Dirk Grosser: Link: Sacred Web




